Bernhard Kerber, langjähriger Kollege und Dozent am Bochumer Kunstgeschichtlichen Institut, ist am 6.2.2021 in Berlin gestorben. Ein Nachruf von Richard Hoppe-Sailer

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2021-04-09
Bernhard Kerber (9.5.1938 – 6.2.2021)

Bernhard Kerber, geboren am 9.5.1938 in Steinheim/Main, studierte Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und Germanistik in Frankfurt/Main, München und Münster. Dort promovierte er 1963 bei Werner Hager mit einer Arbeit zum Thema „Burgund und die Entwicklung der französischen Kathedralplastik im zwölften Jahrhundert“. Daran anschließend war er von 1963 bis 65 Stipendiat der „Bibliotheca Hertziana“ und wandte sich Fragen der italienischen Barockmalerei zu, die schließlich in seine Habilitation zu Andrea Pozzo mündeten. In den frühen 60er Jahren lernte Bernhard Kerber in Münster Max Imdahl kennen, der 1951 ebenfalls bei Hager promoviert wurde. Als Imdahl 1965 als Gründungsdirektor des neuen Kunstgeschichtlichen Institut an die Ruhr-Universität ging, holte er Kerber nach Bochum. Hier habilitierte dieser sich 1969 mit seiner Arbeit zu Andrea Pozzo und übernahm eine Professur, die er bis 1980 innehatte. Kerber legte mit seiner Habilitationsschrift die erste Gesamtdarstellung des Werkes Andrea Pozzos vor. Er hat angesichts einer schwierigen Quellenlage damit erstmals einen konzisen Überblick über das Œuvre und die theoretischen Texte dieses Malers, Archi-tekten und Kunsttheoretikers präsentiert. In der Untersuchung des Hauptwerkes Pozzos, der Deckenmalerei in S. Ignazio in Rom, diskutiert der Autor zentrale Fragen zum Realitätsgrad der Malerei und charakterisiert dessen spezifischen Stil mit dem Begriff der „konkreten Präsenz“ des Dargestellten. Damit sind Fragen nach den kategorialen Differenzierungen von Be-trachterraum und ästhetischem Raum verbunden, die Bernhard Kerbers Untersuchungen sowohl der alten als auch der neuen Kunst durchgehend prägen. Eng verknüpft damit sind darüber hinaus Fragen nach dem Wechselverhältnis der Gattungen und der Gattungsübergänge, wobei die Architektur als Bezugspunkt eine große Rolle spielt. War es in der Dissertation das Verhältnis von Skulptur und Architektur in der französischen Sakralarchitektur des 12. Jahrhunderts, so sind es in der Habilitationsschrift die Bezüge zwischen Malerei und Architektur bei Pozzo. Im Nachwort der 1996 erschienenen Neuauflage von Ernst Michalskis Schrift „Die Bedeutung der ästhetischen Grenze für die Methode der Kunstgeschichte“ skizziert Kerber nochmals die Grundzüge dieser seiner zentralen kunsttheoretischen Überlegungen. Schwerpunkt seiner Forschung und Lehre in Bochum war neben dem römischen Barock und der Architektur- und Kunstgeschichte der Moderne vor allem die zeitgenössische Kunst. So standen Vorlesungen zur „Pop Art“ neben Seminaren „Zum Realitätsgrad barocker Deckengemälde“. Dieses ausgesprochene Interesse an der zeitgenössischen Kunst passte hervorragend ins Portfolio der frühen Jahre des Bochumer Instituts und ergänzte Forschung und Lehre der Kollegen beispielhaft. Vor allem Kerbers Hinwendung zur zeitgenössischen Kunst war, neben derjenigen Max Imdahls, in der damaligen akademischen Kunstgeschichte in Deutschland ohne Beispiel. Nachdem Karl Ströher 1967 die riesige Pop Art – Sammlung Leon Kraushars in New York erworben hatte und 1968 auf der 4. Documenta in Kassel erstmals in aller Breite Werke der Pop Art in Europa zu sehen waren und schließlich 1969 der Sammler Peter Ludwig „Kunst der sechziger Jahre“ im Wallraf-Richartz Museum in Köln präsentierte, erschien 1971 Bernhard Kerbers für lange Zeit grundlegendes Buch „Amerikanische Kunst seit 1945“, das für das Publikum im deutschsprachigen Raum die Phänomene der neuen Kunst erstmals vorstellte. Neben umfangreichen Werkanalysen und einer Darstellung der vielschichtigen nordamerikanischen Kunstszene, bot der Band auch eine Reihe von Quellen zur Kunst– und Künstlertheorie jener Jahre, die ihn zur selbstverständlichen Pflichtlektüre einer ganzen Generation Bochumer Studierender machte. Gleichzeitig waren die dort vorgestellten Werke und deren theoretische Grundierungen Themen der hochengagierten, immer wieder auf methodische Präzision und analytisch-begriffliche Genauigkeit abhebenden Lehre Kerbers, aus der unter anderem eine Reihe von Dissertationen zu unterschiedlichen Themenfeldern hervorgegangen ist. In diesen frühen 70er Jahre festigte sich der Ruf des Bochumer Instituts als eines Ortes der intensiven Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Kunst. An dieser Entwicklung war Bernhard Kerber maßgeblich beteiligt. Sein Bochumer Kollege Manfred Wundram gab bei Reclam die Reihe der „Werkmonographien zur bildenden Kunst“ heraus und öffnete sie nun auch für die Kunst der Moderne. Bernhard Kerber trugt dazu 1970 einen Band zu Roy Lichtenstein („Ertrinkendes Mädchen“) und 1971 zu Claes Oldenburg („Schreibmaschine“) bei. Neben der Kunst des römischen Barocks und der der amerikanischen Moderne waren es insbesondere Fragen der zeitgenössischen Skulptur und deren Thematisierung der ästhetischen Grenze, die Kerber in seinen Publikationen behandelte. Blickt man auf sein umfangreiches Schriftenverzeichnis, so fällt darüber hinaus die enge Beziehung zu Künstlerinnen und Künstlern auf, deren Werk er in zahlreichen Katalogartikeln früh unterstützte und förderte. Bernhard Kerber war ständiger Gast in den Galerien und Ausstellungshäusern der Region und begleitete auch studentische Initiativen auf diesem Gebiet mit dem ihm eigenen kritischen Wohlwollen. Es war für ihn daher nur konsequent, 1980 einen Ruf an die Universität der Künste in Berlin anzunehmen, an der er bis 1999 in unmittelbarem Kontakt zu den Ateliers forschen und lehren konnte.
Bernhard Kerber ist am 6.2.2021 in Berlin gestorben.

angezeigt bis: 2021-05-09