WORK MATTERS. Kunst und Arbeitskultur zwischen Differenz und Transfer

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Ringvorlesung des Kunstgeschichtlichen Instituts Sommersemester 2021, mittwochs 10–12 via Zoom

2021-04-01
Anmeldung unter: ringvorlesung-arbeit@ruhr-uni-bochum.de

Die „Arbeitsgesellschaft“ (Arendt 1960) steht heute aufgrund der Digitalisierung und des Einsatzes Künstlicher Intelligenz, der Globalisierung und Flexibilisierung vor erheblichen Herausforderungen, deren soziale Konsequenzen durch die Entgrenzung von Arbeit sowie globale Ungleichheiten verschärft werden. Der in den westlichen Gesellschaften geltende Anspruch an das Arbeiten, das die soziale Strukturbildung, die gesellschaftliche Positionierung und die persönliche Identitätsbildung bestimmt, wird ausgeweitet und transformiert, so dass sich Arbeits- und Lebensverhältnisse kaum noch voneinander unterscheiden lassen. Selbst Felder, die traditionell nicht der Erwerbsarbeit angehörten (Care-Arbeit, ehrenamtliche Arbeit, Reproduktionsarbeit), werden mit ausgelagerter Niedriglohn- und Dienstleistungsarbeit verschränkt, wobei die horizontale und vertikale Geschlechtersegregation am Arbeitsmarkt weitestgehend erhalten bleiben. Dazu gehört auch die künstlerische Arbeit, die als kreative, entgrenzte und flexible Arbeit par excellence spätestens seit den 1990er Jahren als ‚Avantgarde‘ der gegenwärtigen Arbeitsgesellschaft gilt. Das neoliberale Freiheitsversprechen des ‚kreativen Imperativs‘ (von Osten 2003) nach Selbstverwirklichung und Autonomie hat sich jedoch keineswegs eingelöst, sondern – mit einigen Ausnahmen im Management – neue Formen von Ausbeutung hervorgebracht.
Das Verhältnis von Kunst und Arbeitskultur wurde in der Kunstgeschichte bisher in erster Linie als Frage der Repräsentation, Motivgeschichte oder Ikonographie aufgefasst, oftmals gekoppelt mit einem dem 19. Jahrhundert entlehnten Arbeitsbegriff. Im Fokus der Ringvorlesung stehen hingegen die Wechselverhältnisse von künstlerischer Produktion und historischen sowie gegenwärtigen Arbeitskulturen, die aus interdisziplinärer Perspektive diskutiert werden. Dieser Zusammenhang ist in der Kunstgeschichte bisher wenig untersucht, obwohl Arbeiten in der Tradition des globalen Nordens seit dem 18. Jahrhundert nicht mehr als Drangsal, sondern als Inbegriff menschlicher Tätigkeit und wesentliche Bedingung menschlichen Daseins verstanden wird.

Programm

14.04. Ann-Sophie Lehmann, Groningen
Kunstwerken. Zur Ästhetik der Zusammenarbeit

21.04. Änne Söll und Katja Sabisch, Bochum
Care Arbeit als Thema der Kunstgeschichte und Soziologie

28.04. Nesrin Tanç, Duisburg-Essen
»Agentur Ausländerrauş« und die »Akkordarbeit im halb verbrannten Wald«. Wissenschaftsvermittlung und Wissenstransfer in Kunst und Kultur zur Migration aus der Türkei

5.05. Helga Scholten, Bochum
Bewertung von Handwerk und Kunsthandwerk in der Antike

12.05. Ulrich Rehm, Bochum
Sichtbarkeit und Selbstbehauptung. Mittelalterliche Künstler*innen in ihrer Arbeit

19.05. Henriette Gunkel, Bochum
Arbeit in/mit Kolonialen Archiven

26.05. Pfingstferien

2.06. Kathrin Rottmann, Bochum
Executive Artists. Outsourcing, Automatisierung und Gender

9.06. Annette Urban und Andreas Sudmann, Bochum
Kreative Arbeit mit KI? Perspektiven der Kunst- und Medienwissenschaft

16.06. Markus Heinzelmann, Bochum
Arbeit am Gemeinwohl. Gemeinwohlprojekte in der bildenden Kunst seit den 1960er Jahren

23.06. Friederike Sigler, Bochum, und Sabine Kritter, Berlin
Arbeit ausstellen

30.06. Cornelia Jöchner und Yvonne Northemann, Bochum
Verwaltung als gebauter Arbeitsprozess. Die architektonische Sichtbarmachung des tertiären Sektors in der Zeit der Weimarer Republik

7.07. Steffen Zierholz, Bochum/Bern
Künstlerische Arbeit als Metapher in der Frühen Neuzeit

14.07. Andreas Degner, Bochum
Kunstkritik als politische Arbeit. Wilhelm Hausensteins Projekt einer ästhetischen Erziehung des Proletariats


Literatur

Julieta Aranda/Brian Kuan Wood/Anton Vidokle (Hg.): Are You Working Too Much? Post-Fordism, Precarity, and the Labor of Art. e-flux journal Series, Berlin 2011

Hannah Arendt: Vita Activa oder vom tätigen Leben, Stuttgart 1960

Gianenrico Bernasconi/Stefan Nellen: Das Büro. Zur Rationalisierung des Interieurs, 1880–1960, Bielefeld 2020

Luc Boltanski/Ève Chiapello: Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz 2003

Maurizio Lazzarato: Immaterielle Arbeit. Ästhetisierung der Politik und der Produktion unter den Bedingungen des Postfordismus, in: Thomas Atzert (Hg.): Umherschweifende Produzenten. Immaterielle Arbeit und Subversion, Berlin 1998, S. 39–52

Anja Lemke/Alexander Weinstock (Hg.): Kunst und Arbeit. Zum Verhältnis von Ästhetik und Arbeitsanthropologie vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Paderborn 2014

Marion von Osten (Hg.): Norm der Abweichung, Zürich 2003

Gerald Raunig/Ulf Wuggenig (Hg.): Kritik der Kreativität, Wien 2016.

Friederike Sigler (Hg.): Work. Documents of Contemporary Art, London, Cambridge 2017

angezeigt bis: 2021-07-15